Kein stilles Warten auf den Masterplan Grundschule

15.01.2019

Als Reaktion auf das schlechte Abschneiden im IQB-Bildungstrend kündigte Schulministerin Gebauer den Masterplan Grundschule an. Auf den Prüfstand sollten vor allem die Unterrichtsmethoden der Grundschullehrkräfte. Das war im Oktober 2017.

Der VBE NRW reagierte mit einem Offenen Brief an die Schulministerin, wies auf die schwierigen Arbeitsbedingungen in den Grundschulen hin und forderte in einer Onlinepetition (Für weitere Informationen klicken Sie bitte auf das Bild) angemessene Rahmenbedingungen für die Arbeit an den Grundschulen.


didacta


Eine Bekanntgabe des Masterplans wird nun zeitnah erwartet. Der Masterplan Grundschule soll im Schuljahr 2019/20 greifen. Über die bisher bekannten Überlegungen und über notwendige Inhalte sprachen wir mit der stellvertretenden VBE-Landesvorsitzenden Anne Deimel.

Schule heute: Was wären wichtige Bausteine für einen praxisnahen und damit hilfreichen Masterplan Grundschule aus Sicht des VBE?

Anne Deimel: Die Kolleginnen und Kollegen benötigen dringend Entlastungen und mehr Zeit. Die Basis des Masterplans muss es ein, die Wertschätzung der Arbeit der Grundschullehrkräfte deutlich zu machen. Dies ist z.B. möglich durch eine bessere Besoldung und durch eine deutliche Erhöhung der Anrechnungsstunden. Wir befinden uns zwar in einer Zeit des eklatanten Lehrkräftemangels, aber ein Signal in diese Richtungen darf nicht fehlen. Helfen könnte auch eine zeitlich begrenzte Aussetzung der Qualitätsanalyse, da die Vorbereitung und Durchführung der Qualitätsanalyse viel Zeit und Kraft in den Schulen binden. Außerdem würden mehr ausgebildete Lehrkräfte und kleinere Lerngruppen entscheidend dazu beitragen, Leistungen zu verbessern. Bildungsqualität in den immer heterogener werdenden Grundschulklassen kann es nicht ohne ausreichend Personal geben. Die Aufstockung der Sozialpädagogischen Fachkräfte in der Schuleingangsphase ist ein richtiger und überfälliger Schritt. Jede Grundschule benötigt eine Sozialpädagogische Fachkraft und auch ausreichend Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Was wir aber auf keinen Fall brauchen sind Vorschriften für und Einschränkungen von Unterrichtsmethoden.

Schule heute: „Lesen durch Schreiben“ ist ein Reizthema. In Baden-Württemberg wurde sogar ein Verbot ausgesprochen. Was erwarten Sie hierzu vom Masterplan Grundschule?  

Anne Deimel: Die Methodenvielfalt ist gerade für die Heterogenität in den Klassen und die individuelle Förderung ein Gewinn. Lehrkräfte müssen weiterhin entscheiden können, welches Lese- und Schreiblernkonzept für das jeweilige Kind genau passend ist. Ein Fehler wäre es, allein auf die klassische kleinschrittige Fibelmethode zu setzen. Mit dieser kann ein individuelles erfolgreiches Lernen der Kinder nicht umgesetzt werden, wie zahlreiche Studien bereits gezeigt haben. Schülerinnen und Schüler zeigen hier immer wieder, dass es ihnen sehr schwerfällt, Freude an Schrift und Sprache zu entwickeln und eigene, persönlich bedeutsame Texte zu schreiben. Mit der Überreichung der Petition und den zahlreichen Kommentaren der betroffenen Lehrkräfte, konnten wir Frau Gebauer in diesem Bereich offensichtlich sensibilisieren. Zuletzt äußerte sie sich zum Thema differenzierter als andere Ministerinnen und Minister für Schul- und Bildungspolitik, was der VBE NRW ausdrücklich begrüßt.

Schule heute: Im medialen Fokus steht fast ausschließlich das Lesen durch Schreiben. Es geht aber auch um die Fächer Mathematik und Englisch...

Anne Deimel: und hier sollte das, was bereits bestens läuft nicht verworfen werden. Was helfen würde, wären etwa Möglichkeiten der individuellen Förderung im Fach Mathematik. Es gibt immer mehr Kinder, die zu Beginn der ersten Klasse noch nicht über die notwendigen mathematischen Basisfähigkeiten verfügen. Hier muss rechtzeitig mit der Förderung angesetzt werden. Schauen wir auf die vierte Klasse und den Übergang an die weiterführenden Schulen ist Englisch ein großes Thema. Die Kinder verlassen mit unterschiedlichem Wissen die Grundschule, wie in jedem anderen Fach auch. Allerdings sind hier die weiterführenden Schulen gemeinsam mit den Grundschulen gefragt, die Übergänge kindgerecht und verlässlich zu gestalten.

Schule heute: Warum wäre die Einführung einer verbindlichen Grundschulempfehlung keine Hilfe für den Übergang an die weiterführende Schule?

Anne Deimel: Das lehnen wir deutlich ab. Nicht nur, weil es den Elternwillen untergraben und sehr früh einen enormen Leistungsdruck auf die Kinder ausüben würde. Diese Verbindlichkeit impliziert die Idee, dass die schulische Laufbahn eines Kindes bereits nach dem vierten Schuljahr feststeht. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber bei vielen Schülerinnen und Schülern nicht abzusehen, wie sich ihre Lern- und Leistungsentwicklung auf Dauer gestalten wird. Sinnvoll erscheint hier ausschließlich ein längeres gemeinsames Lernen, durch das der Bildungsweg möglichst lange offengehalten wird. Dazu gehört auch eine möglichst große Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen. Wir wollen den Kindern ein bereicherndes und effektives Lernen ermöglichen. Wir erwarten, dass dies der Masterplan Grundschule berücksichtigt.  

Schule heute: Wie bewerten Sie die Überlegungen, die Lehrpläne zu überarbeiten?

Anne Deimel: Ich möchte darauf hinweisen, dass die Grundschulen in NRW in allen Lernbereichen nach ihren aktuellen schulinternen Lehrplänen arbeiten, die ihre Grundlagen in den Lehrplänen von 2008 haben. Die Basis hierfür sind auch erarbeitete Konzepte, z.B.  zur Rechtschreibung oder zum digitalen Lernen. Die mit diesen Konzepten verbundenen zu erreichenden Kompetenzen werden regelmäßig in die schulinternen Lehrpläne eingebunden. Komplett neu zu implementierende Lehrpläne werden aus meiner Sicht keine einzige Schülerleistung verbessern, wohl aber die ohnehin schon bis zum Anschlag belasteten Kolleginnen und Kollegen weiter unter Druck setzen.

Schule heute: Welche Rolle spielen die schulischen Herausforderungen der Integration und der Inklusion für den Masterplan Grundschule?

Anne Deimel: Die Grundschule ist die Schule für alle Kinder. Die immer heterogener werdende Schülerschaft bedingt zusätzliches pädagogisches Personal. Hilfreich wäre es auch, das System der Schulbegleitung landesweit zu vereinheitlichen. Es ist nicht sinnvoll und zielführend, dass ausschließlich die Eltern eine Schulbegleitung beantragen dürfen. Auch wäre es in manchem Klassenraum sinnvoller, dass eine Schulbegleitung nicht nur für ausschließlich ein Kind zuständig ist. 

Die Fragen stellte Alexander Spelsberg.

Siehe auch: Clip zum Masterplan Grundschule auf der Startseite www.vbe-nrw.de

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